Interview mit René Kiesel: SAV gründet Verlag 15. März 2017 – Posted in: Manifest in den Medien – Tags: , , , ,

Der neugegründete Manifest-Verlag geht mit einem umfangreichen Programm an den Start. sozialismus.info sprach mit René Kiesel, Mitarbeiter des Manifest-Verlags, über die Gründung des Verlags und seine Pläne. Zuerst wurde das Interview in sozialismus.info Nummer 32 (1. Vierteljahr 2017) veröffentlicht.

Die SAV hat sich entschlossen den Manifest-Verlag zu gründen. Was waren die Gründe dafür?

Es gibt verschiedene Gründe. Der wichtigste und ausschlaggebende Grund ist die Veränderung der politischen Lage auf der Welt und in Deutschland. Die Kapitalistenklassen stehen vor einem erneuten Einbruch der Weltwirtschaft und schlingern von einer politischen Krise in die nächste, während sich die Konkurrenz unter ihnen verschärft. Dabei verlieren sie zunehmend ihre Legitimation in den Augen der Massen. Die Gesellschaft polarisiert sich als Folge davon: Auf der Rechten wächst die Unterstützung bei Wahlen. Die rechte Hetze und Gewalt in Deutschland sind mittlerweile tägliche Begleiter. Grenzen werden abgeschottet, Menschen sterben und die USA werden von einem sexistischen und rassistischen Milliärdär und Populisten regiert. Vor allem junge Menschen reagieren darauf mit Aktivität. Auch wenn es hierzulande noch keine Massendemonstrationen wie in Großbritannien, den USA oder dem spanischen Staat gibt, nimmt die Suche nach Alternativen zu. Trotzdem wir als Organisation schon lange darüber nachdachten, einen Verlag zu gründen, wäre das vor zehn oder 15 Jahren wahrscheinlich wenig erfolgreich gewesen. Wir wollen jenen, die (wieder) auf der Suche nach Antworten sind, eine Alternative in Form marxistischer Theorie bieten und revolutionäre Ideen verbreiten.

Was macht den Manifest-Verlag so besonders? Was ist eurer Anspruch?

Der Verlag ist kein Selbstzweck. Anders als andere Verlage, auch revolutionärer oder ehemals revolutionärer Organisationen, nutzen wir die SAV aktiv für die Arbeit mit dem Verlag und seinen Veröffentlichungen. Zusätzlich geben wir auch die Periodika der Sozialistischen Alternative – Solidarität – Sozialistische Zeitung und sozialismus.info – Magazin für marxistische Theorie und Praxis heraus. Die Leute sollen nicht nur lesen, sondern diskutieren und vor allem aktiv werden. Für uns ist Theorie allein trocken und sinnlos, wenn sie nicht als Anleitung zur revolutionären Praxis dient.

Wir wollen kein Verlag sein, der die breite Debatte in der Linken mit seinen Veröffentlichungen widerspiegelt – das tun bereits andere Verlage. Wir wollen aber mit marxistischen Positionen in die Debatten eingreifen. Als Verlag haben wir die Möglichkeit, viele Menschen zu erreichen. Das soll durch ein modernes Äußeres und eine hohe Aktivität umgesetzt werden, denn marxistische Ideen sind in unseren Augen so aktuell wie eh und je.

Durch die Anbindung an die SAV und ihre örtlichen Strukturen können wir Menschen, die weitergehend aktiv werden wollen, ein Angebot machen, das unserer Meinung nach sinnvoll ist. Natürlich richten wir uns an alle, die sich für revolutionäre Literatur interessieren, auch wenn sie noch nicht aktiv werden wollen. Zusammenfassend könnte gesagt werden, dass wir im doppelten Wortsinn vor allem eines sind: Ein Verlag mit Programm – um die Welt zu ändern.

Viele kleine Verlage sind in Schwierigkeiten. Mit eBooks und Internet wurde von so Manchen das Ende des gedruckten Buches verkündet. Was gibt euch das Vertrauen, erfolgreich zu sein?

Es gibt keine Erfolgsgarantie. In Folge der 68er Bewegung sind viele linke Verlage entstanden, die aber spätestens mit der kapitalistischen Übernahme des Ostblocks 1989-91 in Schwierigkeiten gerieten, weil die Linke insgesamt erst einmal niedergeschlagen war. Das Verlagsgeschäft unterliegt im Kapitalismus keiner Ausnahme – monopolitische Tendenzen sind überall zu sehen, wenige Medienkonzerne kontrollieren den Markt und sind knallhart auf Profit getrimmt. Das ist nicht nur für Verlagsneugründungen ungünstig, sondern für die Medien- und Meinungsvielfalt insgesamt.

Dennoch haben wir die Perspektive, dass soziale Bewegungen und Klassenkämpfe in den nächsten Jahren zunehmen werden und das ernstzunehmen, bedeutet auch, sich dafür zu rüsten, dass die politische Auseinandersetzung für immer mehr Menschen wichtiger wird. Letztendlich rechnen wir damit, dass die Menschen dann mehr Bücher kaufen werden und wir damit nicht nur unser Programm finanzieren, sondern sogar erheblich ausbauen können.

Zu der Frage nach dem Verschwinden des Buches auf Grund der Digitalisierung: Der Gesamtumsatz des deutschen Buchhandels liegt seit einem Jahrzehnt sehr stabil bei über neun Milliarden Euro. Zwar steigerte sich der Anteil rein digitaler Produkte wie eBooks jedes Jahr, betrug aber im Jahr 2015 trotzdem nur 4,5 Prozent. Für die LeserInnen, die aus nachvollziehbaren Gründen keine dicken Bücher tragen wollen, werden wir auch eBooks zur Verfügung stellen. Menschen lesen Bücher nicht, weil sie nostalgisch sind, sondern weil es ein kompatibles Medium ist. Anmerkungen an den Rand schreiben, Lesezeichen einlegen, es in die Tasche stecken und im Zug wieder aufschlagen geht zwar alles auch elektronisch – aber meist nicht so schnell.

Welche Schwerpunkte setzt ihr in eurem Programm?

Wir entscheiden politisch über Schwerpunkte. Ausschlaggebend ist der sozialistische, beziehungsweise klassenkämpferische Standpunkt. Wir greifen unter anderem auf die Autorenschaft von Mitgliedern des Komitees für eine Arbeiterinternationale (CWI), dem die SAV angehört, zurück und tragen damit zu einer Internationalisierung dieser Texte bei. Das schließt auch die Verbreitung stalinistischer oder den Stalinismus rechtfertigender Arbeiten aus. Nicht zuletzt wollen wir mit der (Wieder-)Auflage klassischer Texte Lücken schließen und Grundlagenliteratur zu günstigen Preisen zur Verfügung stellen. Es gibt verschiedene Editionen: Neuauflagen vergriffener (und verschollener) Bücher und Erstauflagen zu aktuellen Themen wie dem Erstarken der Rechten oder der Lebensmittelverschwendung. In der Reihe marxistische schriften. finden sich theoretische Schriften des Marxismus – darunter befinden sich bekannte AutorInnen wie Trotzki, Luxemburg, Lenin, Marx, Engels und viele andere. In der edition m. setzen sich unsere AutorInnen mit bestimmten Themen wie Umwelt oder Religion aus marxistischer Sicht auseinander. Mit geschichte des widerstands. greifen wir Werke mit einem historischen oder biographischen Schwerpunkt auf, wie zum Beispiel die Leben von Malcolm X oder Che Guevara. In dokumente der arbeiterbewegung. geben wir durch uns aufgearbeitete und kommentierte Resolutionen, Reden oder Artikeln heraus – zum Beispiel eine Sammlung von Reden und Artikel Karl Liebknechts gegen Krieg und Militarismus. Nicht zuletzt veröffentlichen wir die Publikationen der SAV (Solidarität – Sozialistische Zeitung und das Magazin sozialismus.info), deren Programme sowie Bücher und Broschüren des CWI. Neben unseren Büchern, die alle eine ISBN haben, werden wir eine große Anzahl von grundlegenden Texten als Broschüren drucken, die direkt über uns zu beziehen sind.

Einer eurer Titel – Volle Bäuche statt volle Tonnen – hat ja schon einige Aufmerksamkeit erregt. Was sind eure ersten Erfahrungen?

Wir sind sehr positiv überrascht von der Aufmerksamkeit, die dieses Thema zur Zeit bekommt. Inhaltlich füllen wir eine Leerstelle aus, indem wir die berechtigte Kritik an Lebensmittelverschwendung und -vernichtung aufgreifen und nicht nur Symptome bekämpfen, sondern die Ursachen benennen und die Brücke zu einer grundlegenden Alternative schlagen. Der Autor Christian Walter ist ein politischer Aktivist, der seit zehn Jahren selbst containert und ziemlich genau weiß, welche Fragen vor allem Jugendliche bewegen, die sich gerade durch Konsumkritik politisieren. Wir haben uns entschieden, diesen Titel bereits für Vorbestellungen freizugeben und die Resonanz mit mehreren hundert georderten Büchern war überwältigend – und das bevor dem offiziellen Verkaufsbeginn!

Auf welchen Titel freust du dich am meisten?

Das ist schwer zu sagen. Da ich persönlich an den meisten Titeln sehr intensiv mitarbeite, liegen mir alle sehr am Herzen. Ein Titel, auf den ich allerdings besonders stolz bin, ist die Neuauflage von Rhys Williams’ Reportage über das revolutionäre Russland 1917-18 mit über fünfzig Originalbildern und farbigen Abbildungen aus der Zeit. Gerade zum hundertsten Geburtstag der Oktoberrevolution ist dieses zu unrecht vergessene Buch die passende Lektüre, um sich mit dem Thema zu beschäftigen. Es ist ein guter Einstieg für Menschen, die erst damit beginnen und eine Ergänzung für alle, die schon „länger dabei sind.“ Es ist so spannend wie ein revolutionäres Roadmovie geschrieben. Doch es ist nicht alles nur historisch – die Debatte um Sahra Wagenknecht treibt gerade viele Linke innerhalb und außerhalb der Partei DIE LINKE um. Wir bringen daher eine deutlich erweiterte Auflage von Lucy Redlers Auseinandersetzung mit Wagenknechts Positionen heraus. Darüberhinaus bedarf das Phänomen des Erstarkens der Rechten einer grundsätzlichen Analyse, die klar macht, was Pegida, AfD und Co. sind und warum sie so stark werden konnten. Dazu erscheint zur Buchmesse ein Buch mit dem passenden Titel „Brandstifter – AfD. Pegida. Islamhass. Analysen & Gegenstrategien.“ Die inhaltliche Auseinandersetzung damit soll die Grundlage für einen erfolgreichen Kampf gegen Rechtspopulismus und Rassismus sein.

Wie kann man eure Titel erhalten?

Unsere Titel werden vor allem über unseren eigenen Shop www.manifest-bücher.de zu beziehen sein. Auf der Seite www.manifest-verlag.de werden sich alle Informationen rund um unsere AutorInnen, Bücher, den Verlag und seine Aktivitäten finden. Ein Erfolgsrezept ist auf jeden Fall, dort zu sein, wo die Menschen und Auseinandersetzungen sind. Wir rechnen damit, dass unsere Bücher Teil zahlreicher Veranstaltungen im deutschsprachigen Raum sein werden. Also werden sie auch vor Ort zu erwerben sein und ich bin mir sicher, dass sie auf vielen Infotischen bei Demos und Streiks liegen werden.

Wer nicht die Gelegenheit hat, sie dort zu kaufen, kann sie in der Buchhandlung des Vertrauens bestellen. Wir werden Kontakt zu möglichst vielen Buchläden aufnehmen, um unsere Bücher anzubieten. Unser Programm ist darüber hinaus über die üblichen Bestellwege im Buchhandel erhältlich.

Kannst du uns etwas über zukünftige Pläne des Verlags verraten?

Der große Auftakt wird die Buchmesse in Leipzig vom 22. bis zum 26. März sein, auf der wir unsere Bücher mit einem eigenen Stand (Stand E407, Halle 5 bei anderen linken Verlagen) präsentieren. Wir werden etwa dreißig gedruckte Titel bei uns haben, die durch ein breites Programm an Broschüren, die wir selbst produzieren, ergänzt werden. Mehrere tausend Exemplare unserer Frühjahrskataloge sollen für eine weite Verbreitung sorgen. Wie andere Verlage werden wir zum Herbst und Frühjahr einige Haupttitel des jeweiligen Halbjahresprogramms präsentieren – 2017 vor allem mit Bezug auf die Russische Revolution. Daneben werden wir aber kontinuierlich zwischen den Messezeiten (Frühjahr Leipzig, Herbst Frankfurt am Main) neue Publikationen auf den Markt bringen und bei so vielen Veranstaltungen und Konferenzen wie möglich vertreten sein, damit die Menschen uns persönlich kennenlernen können.

Das Interview führte Holger Dröge