Verlagsprogramm 2020 26. Juni 2020 – Posted in: highlight, Verlagsnews – Tags: ,

Liebe Leser*innen,

als mit dem März 2020 auch die Leipziger Buchmesse näher rückte und wir gerade das Herbstprogramm 2020 fertig stellten, damit es pünktlich aus der Druckerei kommt, schrieben wir in das Editorial Sätze wie: »Doch was war das für ein Jahr 2019? Besonders in der zweiten Jahreshälfte schien es, als würde die Erde unter unseren Füßen beben.«

Bevor wir unsere nichtsahnende Version Anfang 2020 belächeln, sollten wir überlegen, welche Bedeutung die Ereignisse des letzten Jahres jetzt noch haben. Vor allem in der Industrie zeichnete sich 2019 eine Rezession ab, in allen Teilen der Welt flammten Massenproteste auf, die sich stark auf soziale Fragen konzentrierten.

Auf diesen angeschlagenen Zustand des Weltkapitalismus traf die globale Pandemie des Corona-Virus’. Sie hat die krisenhafte Entwicklung des Kapitalismus beschleunigt und verstärkt. Gleichzeitig sind die reichsten Kapitalist*innen noch reicher geworden, trotz und durch die Krise, Monopolisierungstendenzen werden verstärkt, kleine Unternehmen wurden in Folge des Lockdowns zur Eindämmung der Infektion zertreten, Millionen Menschen haben bereits ihren Arbeitsplatz verloren. In den letzten Monaten pausierten die internationalen Bewegungen gezwungenermaßen, kehren jedoch jetzt mit aller Wucht wieder zurück. Die brutale Ermordung von George Floyd trat Massenproteste in den USA gegen Rassismus und Polizeigewalt los. Sie fanden ein Echo bis nach Deutschland und Österreich. Gerade in den Vereinigten Staaten und Großbritannien vermischt sich der Kampf gegen Rassismus mit der Wut über das soziale Elend vor allem unter jungen Menschen.

Angesichts dieser Umstände wollen wir nicht lange dabei verweilen, wie schwer es nicht nur für uns, sondern für viele kleine Buchläden und Verlage war, weiterzumachen. Umso wichtiger ist es, die Arbeit aufrecht zu erhalten und den kommenden Bewegungen ein revolutionär-sozialistisches Programm anzubieten, wie der Kapitalismus überwunden werden kann. Durch die breite Unterstützung unserer Crowdfunding-Kampagne und das recht kühne Umwerfen unserer bisherigen Verlagsplanung, gibt es uns noch. Bereits Ende Mai haben wir ein Buch mit dem Titel »Pandemische Zeiten – Corona, Kapitalismus, Krise und was wir dagegen tun können« veröffentlicht. Darin kommen in vierzig Beiträgen vor allem Betroffene zu Wort und es werden viele Aspekte der Auswirkungen der Krise beleuchtet. Die Autorinnen bleiben jedoch nicht bei Beschreibungen stehen, sondern diskutieren offen, wie Veränderung erkämpft werden kann. Der Kapitalismus wird sich nicht von allein abschaffen, aber die Situation ist nicht aussichtslos, denn mit jedem Tag wächst die Zahl derer, die sehen, dass das jetzige System nicht in der Lage ist, die grundlegenden Bedürfnisse der Mehrheit der Menschen zu befriedigen. Ein grundsätzlicher Pessimismus ist hier nicht angebracht, auch wenn wir realistisch sein müssen, dass die Auseinandersetzung über die Verwandlung der Gewerkschaften in Kampforganisationen der Arbeiterinnenklasse, die Schaffung einer politischen Interessenvertretung der Beschäftigten in Form einer sozialistischen Massenpartei vor uns liegt.

Wir haben uns im letzten Jahr auch einer notwendigen Diskussion innerhalb der Sozialistischen Alternative – SAV gestellt. Sie begann auf internationaler Ebene Ende 2018 und zog sich bis in die kleinste Ortsgruppe hinein. Sie entzündete sich am Umgang mit den aktuellen Bewegungen und reichte bis zu den Aufgaben einer sozialistischen Organisation und der Orientierung auf die Arbeiter*innenklasse als zentrale Kraft zur Veränderung der Gesellschaft. Am Ende stand eine Spaltung des Komitees für eine Arbeiter*inneninternationale (CWI) im Juli und der SAV im September 2019. Als Teil einer gemeinsamen Vereinbarung verblieb
der Manifest Verlag bei der neu gegründeten Sozialistischen Organisation Solidarität – Sol, die jetzt die deutsche Sektion des CWI ist. Trotz der gewonnen Klarheit über unser Programm und unsere Aufgaben in der jetzigen Periode war eine sichtbare Folge der Konzentration auf die Auseinandersetzung, dass die Verlagsarbeit hintenan gestellt werden musste. Einige Titel, die für letztes Jahr angekündigt wurden, konnten und werden nicht erscheinen.

Doch jetzt haben wir keine weitere Zeit zu verlieren: Es ist abzusehen, dass es zu weiteren Explosionen der Wut über die kapitalistischen Zustände kommen wird.

Wir begehen in diesem Jahr den 80. Todestag Leo Trotzkis als Folge eines Anschlags durch einen stalinistischen Agenten und den 200. Geburtstag Friedrich Engels’. Beide sind hervorragende Wegbegleiter im Dickicht der Ideen und des notwendigen Streits um das richtige Programm. Dabei schreiben wir wie bisher nicht blind Texte ab, sondern wollen dazu beitragen, mit dem Marxismus die Methode zur Analyse der Umstände und das Ziehen revolutionärer Schlussfolgerungen für unser Handeln zu verstehen.

Das Verlagsprogramm könnt Ihr hier einsehen: https://manifest-verlag.de/wp-content/uploads/2020/06/Katalog_2020.pdf

René Arnsburg, Berlin, Juni 2020